18. Januar 2010

Schwuppdiwupp

"Kinder haben noch gar keine Probleme. Du musst doch einfach nur spielen, essen, schlafen und ganz viel lernen. Die Probleme kommen doch erst später. Du bist 5Jahre, kleine Mia. Mit 5Jahren kann man keine Probleme haben." "Doch, ich glaube, ich habe ein Problem. Echt wahr." Ich trippelte hin und her. " Quatsch mit Soße. Probleme haben nur Erwachsene.Hier, ich schenke dir noch eine saure Gurke und dann lauf nach Hause. Schwuppdiwupp, mach ein fröhliches Gesicht und los gehts."
Das ich nicht nach Hause laufen wollte verstand Ulla, die Kioskbesitzerin, nicht.Und "schwuppdiwupp" schon dreimal nicht, denn draußen lauerte mir der hundsgemeine Carsten mit seiner Bande auf. Ich glaube, er hatte es auf meine rote Strickmütze abgesehen- aber genau wußte ich es nicht. "Wenn wir dich kriegen, doofe Mia Niemand, dann verkloppen wir dich. Solange bis du heulend auf dem Boden liegst."
Nun stand ich im Kiosk von Ulla und die war nicht bereit mich zu retten.Nicht einmal halbwegs. Und die Glücksbärchis gab es auch nur im Fernsehen, so viel wusste ich bereits. (Auch wenn ich heimlich an sie glaubte, und auf ihre Freundschaftspowerstrahlen hoffte) Große Brüder sind auch nie da, wenn man sie mal braucht und stark wie Pippi Langstrumpf machte mich die saure Gurke, die ich vor Verzweiflung schon gegessen hatte, auch nicht. Verflixt.Grinsend sah Carsten durch die Scheibe.Ich sah seine Zahnlücke und die wilden Sommersprossen. Die roten Haare und sein schmutziges Shirt. Hinter ihm stand der dicke Martin. Der war nur Carstens Freund, weil er selbst Angst vor ihm hatte. Neben ihm stand die wilde Anita. Die war in Carsten verknallt. Und manchmal küssten sie sich. Sehr ekelhaft.
Verdammt, ich hatte ein Problem.
Kinder haben keine Probleme...Kinder haben keine Probleme...Kinder haben... ich versuchte mich selbst zu beruhigen. Irgendwie.
Ich ging raus. Ohne Probleme. Carsten war weg. Hach! Ich kicherte leise auf. "Schwuppdiwupp...schwuppdiwuppweg.."
Bis zur nächsten Straßeecke.Denn da wartete Carsten auf mich. Er zog mir die Mütze vom Kopf., trampelte darauf herum. Anita schubste mich auf den Boden und der dicke Martin sah nur zu. Ich kann mich nicht mehr genau an alles erinnern. Aber ich habe fürchterlich geweint. Meine Knie waren aufgeschürft und über der Lippe hatte ich eine kleine Wunde (heute habe dort eine kleine, feine Narbe). Noch schlimmer war aber, dass ich mich kaum mehr auf die Straße traute und ich ständig Angst hatte.
Ich habe nie jemanden erzählt, was damals passiert ist.Schließlich haben Kinder haben keine Probleme und vielleicht habe ich mir das alles ja nur eingebildet. Kleine doofe Mia Niemand.

Kommentare:

  1. Diese Geschichte hat mich berührt, weil sie so echt und klar ist. Beklemmend. Danke.

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  2. Das Problem ist dass Kinder oft solche Sachen nicht den Eltern erzählen. Zumindest bei mir war das so.

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  3. Kinder erzählen sowas vor allem dann nicht ihren Eltern, wenn sie das Gefühl haben, nicht ernst genommen zu werden. (Wie Mia in der Geschichte.)

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  4. @fee: Ja, sie ist sehr echt.Wenn ich solche Geschichten schreibe, muss ich immer mein Fenster ein Stück öffnen, damit ich genügend Luft bekomme. Denn manchmal, raubt es mir echt den Atmen.

    @lisa: Ich hätte es erzählt, meine Eltern hätten mir auch geglaubt- aber ich habe echt immer gedacht, dass ich keine Probleme haben.

    @sebastian: Genau so ist es.

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