22. November 2008

Eingeschneit.

Es hat geschneit. Ich muss zugeben, dass ich mich darüber gefreut habe. Sehr. Sogar. Ich zog meine dicken Kniestrümpfe an. Den kuscheligen Pullover und darüber gleich noch einen. Meine warmen, gefütterten Turnschuhe, die dicke Mütze und meinen hellen sehr langen und sehr weichen Strickschal. Die kunterbunten Handschuhe packte ich in meinen Rucksack. Für später. Irgendwann. Ich zog den Reißverschluss meiner Winterjacke zu und setzte den Rucksack auf. Lächelnd lief ich los.In die Stadt. Schneeflocken flogen gegen mein Gesicht. Blieben an meinen Wimpern hängen und tropften auf meine Nasenspitze. Ich steckte nach wenigen Minuten Kopfhörer in meine Ohren. Feinste Sommermusik versüßte mir noch zusätzlich den Tag. Hüpfend eilte ich durch die Straßen. In meinen Kopf nur ein Gedanke. Ich musste an das lila Abendkleid denken. Ich hatte nämlich den großen Fehler gemacht und das Kleid in der falschen Farbe gekauft. Nun wollte ich es umtauschen.Petrol gegen Lila.Schlimmer Fehler.Meine größte Sorge bestand allein darin, dass das Kleidchen nicht mehr in meiner Größe da war.Nach einer Stunde war mein Rucksack vollgepackt und Tüten zierten meine Hände. Lila Kleid, Jeans, Schlafanzugshose, Socken, Bücher, Unterwäsche. Die Schneeflocken wurden dichter. Kälter. Ich zog meine Mütze tiefer ins Gesicht und setzte meine Kapuze auf. Im Rucksack, ganz weit unten, die kunterbunten Handschuhe. Für später irgendwann. Ich zog meinen Pulli etwas über meine Finger und hüpfte über die Steine. Und während ich so hüpfte und nachdachte, ob ich mir einen Tee oder Kaffee besorge.. Da sah ich sie. Sie saß da.In einer kleinen Nische auf der Straße. Eine junge Frau. Sie saß auf dem kalten Boden. Schützend hielt sie sich eine Zeitung über den Kopf. Ihre Finger waren rot und sahen erfroren aus. Ich wollte wegsehen. Aber ich konnte nicht. Sie hatte einen Strickpullover und eine Sommerjacke an an. Auf ihren Beinen ein kleines Schild. "Bitte helft mir. Ich bin obdachlos." Sie war so alt wie ich. Vielleicht jünger. Ihre kurzen Haare umrahmten ihr Gesicht. Sie blickte in den Himmel. Weinte. Sie weinte bitterlich.Und die kalten Tränen tropften leise, unbemerkt auf ihre Jeans. Mitten auf der Straße. Alle eilten an ihr vorbei. Manchmal bekam sie ein paar Cent in ihren zerknitterten Becher geschmissen. Manchmal bekam sie einen Blick. Aber die meisten bemerkten sie gar nicht. Sie weinte nur. Ihre Gesicht war verzerrt. Gerötet.Schneeflocken fielen auf sie. Ich wollte wegsehen. Aber ich konnte nicht. Um uns herum wurden Lichterketten aufgehängt und von irgendwo hörte man einen Chor Weihnachtslieder singen. Ich spürte wie es mir den Atem nahm. Wie ich nach Luft suchte. Wie mein Herz schwer und schwerer wurde. Ich hätte sie gern in den Arm genommen. Sie getröstet, ihr Wärme gegeben. Halt und etwas Schutz. Sie zog sich ihren Pulli über ihre erfrorenen Hände. Sie zitterte. Gedanken flogen durch meinen Kopf. Weihnachten, meine warme Wohnung, meine zwei Pullover, meine Freunde, mein Freund, meine Familie, meine warme Mütze, mein lila Kleid, die Schneeflocken und die Kälte. Ich musste an mein warmes Bett denken, meine heiße Dusche. Daran, dass ich schnell schlechte Laune bekomme, wenn ich mal nichts zu Essen habe. Ich ging an ihr vorbei. Blieb stehen.Den Schnee wollte ich wegschicken. Weit weg. Ihn gegen etwas Sonnenschein und Wärme eintauschen. Eine Frau neben mir blieb auch stehen und brachte ihr ein heißes Getränk.Ein älterer Herr holte ihr einen dampfende Waffel. Aus meinem Rucksack holte ich die kunterbunten Handschuhe. Genau jetzt wurden sie benötigt. Dringend.

Liebes Christkind,
du weißt ja, ich habe derzeit keine Wünsche mehr. Aber es gibt genug Menschen die viele, sehr viele Wünsche haben. Kannst du ihnen nicht beweisen, dass es dich wirklich gibt und manchmal alles wieder gut wird? Kannst du ihnen nicht etwas Hoffnung und Wärme schenken? Bitte, das wäre echt sehr lieb von dir.
Lieben Gruß
Mia Niemand

Kommentare:

  1. solche Menschen wie dich brauchen wir zu dieser Zeit... Ich finde es toll, wie sehr du an andere denkst =)

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  2. fürs erinnern, ich habe länger nicht für den Kältebus gespendet. Eine Bekannte hat mich gerade gefragt weil ihre Freundin nicht weiß wohin. Damit es ihr nicht so geht wie in deiner Geschichte gebe ich ein Zimmer ab.

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  3. Mir sind grad Tränen in die Augen geschossen.

    Meine Weihnachtsspende steht auch noch an....

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  4. Du schreibst tolle Texte und bist auch noch richtig hübsch!

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  5. Ach du bist so toll^^ Gibt mir einen richtigen Anstoß dass was getan werden muss.. Vielleicht sollte man einfach mal Decken verteilen gehen? Die kosten doch auch gar nicht viel und sind warm...

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  6. @püppi: Naja, eigentlich fühlte ich mich sehr schäbig. Oder ne, ich fühle mich immer noch schäbig. Ich gebe echt viel Geld aus für SchnickSchnack, Kleidung, Schuhe etc. Da Handschuhe abzugeben ist keine Heldentat. Man sollte viel mehr tun.

    @franzjosef: Sowas ist wirklich großartig.

    @delijha: Es ging mir nicht anders. Ich bekomme das Bild auch nicht mehr aus dem Kopf.

    @anonym: Danke.

    @lisa:Ja, du hast Recht. Diese Fleecedecken gibt es schon sehr günstig. Noch eine Mütze, Schal und Handschuhe dazu..ich weiß selbst, es ist nicht viel aber wenn noch andere ein kleinwenig helfen...umso besser. :)

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  7. Das war schon eine Heldentat, Mia. Selbst so Kleinigkeiten sind heute nicht mehr selbstverständlich, das zeigt ja die Tatsache, dass viele Leute einfach an anderen vorbeilaufen, die zitternd und frierend in der Gegend sitzen. Hast du gut gemacht. Genau wie die Frau mit dem Getränk und der Mann mit der Waffel.

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  8. nein, Großartig ist nur einer ;)
    ich hoffe er ist Weihnachten bei dir.

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