17. Juli 2009

Katzentot. Mäuse leben länger.

Und da lag sie, die alte Dame. In der kleinen Seitenstraße, schräg gegenüber der Krähenallee. Alle Straßen haben hier Vogelnamen. Krähenallee, Elsternweg, Meisengasse, Schwalbenstraße. Schwalbenstraße Nummer 3-27. Rechte Seite. Hübsche alte Häuser. Hübsche Vorgärten. Nette Gegend. Aber zurück zu der Dame in der Krähenallee.Also fast Krähenallee. Sie lag da. Das Gesicht auf dem Boden. Ihr Einkaufsnetz verstreut auf der Straße. Ein Päckchen Zucker schlängelte sich über den Asphalt. Eine aufgeplatzte Milchtüte zog still ihre Spur. Vermischt mit einer hellroten Spur. Blut? Keine Ahnung. Ihr Gesicht lag auf dem Asphalt. Ist sie tot? Ob sie wohl tot ist? Mein Herz schlug etwas schneller, so schnell mein Herzchen schlagen kann, und ich eilte zu ihr. Kniete mich auf den Boden und meine Jeans berührte leicht die Milchspur. " Hallo?! Hallo?..Sind sie tot? Hallo? Leben sie noch?" Ich rüttelte leicht an der Dame und ein schwaches Stöhnen kam zurück. Ich drehte die Dame vorsichtig zur Seite. Ihr dunkelgrünes Kleid war ganz zerknittert und staubig. Auf ihrer Stirn blutete eine mittelgroße Platzwunde. Ihre Augen hielt sie fest geschlossen. "Bin ich tot? Bin ich tot?" murmelte sie zerknirscht....Ich schüttelte den Kopf, konnte sie aber nicht sehen, die Dame- hatte ja die Augen verschlossen. " Nein, sie sind nicht tot. Nein, nein. Ich bin bei ihnen. Und ich lebe. Also leben sie auch. Mia, heiße ich. Mia Niemand. Hören sie mich?" Die Dame schüttelte den Kopf. Milch klebte an ihrer Schläfe. "Ich bin bestimmt tot..ohweh..ohweh..ohweh... dabei muss ich doch meine Katze füttern. Peterle wartet bestimmt schon auf mich." Ich biss mir leicht auf die Unterlippe. Wie sollte ich denn nun die Frau davon überzeugen ,dass sie nicht tot ist. Herje. "Hören sie, sie liegen auf der Straße, reden mit mir, ihr Herz schlägt- sie leben. Echt. Warten sie- ich nehme ihre Hand. Spüren sie meine Hand?" Zaghaft zwinkerte sie mir zu. So, als ob man in die pralle Mittagssonne schaut. ""Ich muss aber einen Krankenwagen rufen- sie bluten an der Stirn." Wieder ein leises Stöhnen. "Ich bin doch bei ihnen- sie kommen kurz ins Krankenhaus und heute Abend sind sie wieder bei Peterle." " Können sie mir das versprechen?" Ich nickte munter. "Ja, versprochen." Ich will aber auch nicht ins Altenheim. Da will ich überhaupt nicht hin. Ich will später wieder nach Hause. Das müssen sie mir versprechen." Ich nickte. "Sie kommen in kein Altenheim- wer soll sich denn um ihren Peterle kümmern?"Ich hielt ihre Hand noch ein wenig- bis der Rettungswagen kam.

(Heute sah ich Maria Müller. Sie heißt die Dame nämlich. Frau Müller im Rollstuhl vor der Seniorenresidenz. Sie schaute nicht sehr glücklich, ansprechen konnte ich sie nicht.Ein wenig tot war sie. Ja. Wirklich. Tot.
Tut mir Leid, Frau Müller- ich wollte sie nicht anlügen. Kein bisschen. Ehrlich nicht.Ich hoffe nur, dass es ihrem Peterle gut geht- ehrlich.)

Kommentare:

  1. Oh nein, wie traurig.
    Eigentlich sollte man das nicht haben, aber ich habe Angst vor dem Alter. Angst vor all den Krankheiten, die am eigenen Geist nagen.
    Was aber, denke ich, noch viel schlimmer ist, ist die Einsamkeit und das Gefühl, körperlich nicht mehr das tun zu könne, womit der Kopf noch lange keine Probleme hat.

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  2. Ja, das ist eine traurige Geschichte. Bei meinen vielen Besuchen im Altersheim in letzter Zeit, habe ich auch schon viele solche Dramen gesehen/erfahren. Es tut einem aber wirklich jedesmal weh, wobei ich auchecht zugeben muss, dass es für einige ältere Menschen auch besser ist als alleine daheim zu sitzen, vorallem, wenn sie sich nicht mehr selbst versorgen können und die Verwandten zu weit weg wohnen, um sich um sie zu kümmern...

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  3. Ich muss mich anschliessen.. es ist traurig. Und auch ich hoffe, dass es dem Peterle gut geht!

    Dein Blog mag ich sehr, jawohl. Deine Geschichten gehen ins Herz und sind einfach verzaubernd. Ich schaue wieder vorbei, wenn ich darf.

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  4. Sie haben eine Mail

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