4. November 2010

Guten Tag, Guten Tag

ich bin Mia Niemand.
In Wirklichkeit heiße ich anders.
Ich wohne in Paderborn.
Ich bin blond. Hellblond als Kind, mittelblond mit 20 und mit 30 bin ich wieder hellblond.
Ich arbeite mit Kindern zusammen, habe eine kleine Wohnung unterm Dach und wohne dort mit meiner Katze. Eigentlich ist es ein Kater. Aber Katze sage ich immer. Irgendwie.
Früher war ich dick- dann hatte ich längere Zeit eine Essstörung, die ich dank ärztlicher Hilfe, meinem Freund und meiner Familie überwunden habe. Allerdings litt ich nie unter Magersucht.
Ich führe eine Fernbeziehung und diese macht mich glücklicher als ich jemals zuvor war.Mein Freund ist jünger als ich. Aber das stört nicht einmal meine Mutter. Und die stört sonst vieles.
Ich bin Mia.
Das hier ist meine Welt. Ihr kennt mich. Meine Geschichten. Meine Worte.
Ihr dürft mit mir durch meine Welt, hüpfen, schleichen, tanzen, schweben, gehen, rennen, stampfen, fliegen oder sie verlassen. Das ist euch überlassen.
Niemand muss das hier lesen.
Ich bin Mia.
In Fastwirklichkeit.

Und jetzt: Tschüß, bis morgen.

2. November 2010

Fräulein Susi

Ich sitze im Bus. Korinaderbrot dufte dezent aus meiner gepunkteten Tasche. Sie ist rot. Mit weißen Punkten. Ich liebe rote Dinge mit weißen Punkten.
Neben mir sitzt Susi. Susi sitzt irgendwie immer irgendwo im Bus. Susi hat einen Gendefekt. Sie kann es nie richtig aussprechen. Das macht sie dann ganz nervös. Sie hat nur ein Auge und ist recht übergewichtig.
Susi redet gern. Am liebsten mit mir und ich schaffe es nicht, ihr zu sagen, dass ich mich nicht unterhalten möchte. Also lasse ich sie reden und nicke ab und zu stumm. Oder mache: "Mhm. Mhmmm Mhmmm. Mmm." Sowas in der Art. Nicht sehr nett, ich weiß, aber mit dieser Lösung sind wir beide zufrieden.
Ich denke an die roten Tassen mit weißen Punkten und an die passenden Müslischalen.
Susi hat ein neues Hobby. Sie sammelt Kosmetikartikel. Am liebsten mit sehr süßen Düften. Schokoladengeruch liebt sie. Vor ein paar Wochen gab es in einer Drogerie ihr Lieblingsschokoladenduschgel im Angebot. Sie hat sich 6Flaschen davon gekauft. Sechs.
Heute war es ein Schokoladenbadeöl. Es riecht süß und der Duft benebelt mich.Sie hält es mir unter die Nase und ich muss leise Husten. Ich liebe Schokolade. Aber dieser Duft ist sehr unschön.Er riecht nach Zucker und Plastik, nach Kakao und Chemie.
Ich überlege, ob ich zu den vier Herzen, rot mit weißen Punkten, noch Schleifenband brauche. Zur Zeit gibt es rotes mit weißen Punkten und weißes mit roten Punkten in einem kleinen Geschäft.
Vor kurzem gab es eine SchokoladenNusscreme. Ihre ganze Tasche war damit gefüllt. 10Packungen. Vielleicht. Mehr. Eigentlich kauft sie alles...Handcreme, Shampoo, Lippenbalsam..was auch immer. Ich stelle mir immer ihre Badezimmerschränke vor, die müssen bis in den Himmel ragen. Voll gefüllt mit Schokoladenzeug. Wann benutzt man das alles? Kann man das alles benutzen? Was soll man nur damit? Sie ist kaufsüchtig. Irgendwie.
Sie redet und redet. Ich schaue aus dem Fenster und male Punkte auf die beschlagene Scheibe. Eine gepunktete Küchenschürze habe ich auch. Und Blumentöpfe. Sogar eine Unterhose.
Wann ich die gepunkteten Teller benutze weiß ich schon genau, ich habe auch schon die passenden Servietten dazu gekauft.
An der nächsten Station muss ich aussteigen. Meine Hand riecht immer noch nach ihrer Handcreme. Schoko.
Zu Hause werde ich meine Hände waschen. Lauwarmes Wasser verspricht Besserung.
Das Korianderbrot lege ich in eine rote Schüssel. Mit- weißen Punkten.

1. November 2010

Honigbonbons

Meine Oma.
Meine Oma war immer eine ganz besondere Frau.
Sie war so eine feine Dame, die niemals Hosen trug. So eine feine Dame mit Hut. Man hat sich nach ihr umgedreht. Sie war immer freundlich, liebenswert aber auch direkt und sie sagte immer ihre Meinung.
Ich wollte immer so werden wie sie. So feine Hände haben, so weiche Gesichtszüge, die filigranen Perlenohrringe und die schönen Kleider. Lila, braun, blau, grün oder geblümt.Sie benutzte immer ein und denselben Duft. Man erkannte sie sofort daran. Frisch, sauber, leicht- wie frisch gewaschene Wäsche.
Ich wollte so lachen wie sie und so schöne Geschichten erzählen.
Ich wollte so vieles.
"Mieze, meine Mieze. Du bist ein feines Mädchen" Das hat sie immer zu mir gesagt. Und wenn ich mal traurig war hat sie mich in den Arm genommen, mir ein Honigbonbon gegeben oder eine heiße Schokolade gekocht. Im Sommer machte mich auch eine Fanta glücklich. Die gab es bei meinen Eltern nämlich nie.
Ich habe es nie geschafft so zu werden wie Oma. Ich werde niemals so elegant sein. Ich trage auch keine Hüte, nur Mützen. Ich besitze keine Perlenohrringe und Kleider trage ich nur im Sommer. Mein Parfüm wechsele ich täglich und so lachen wie sie kann ich auch nicht.
Mieze, deine Mieze. Ich will nur dein Mädchen sein.
Eins habe ich mir von ihr angewöhnt. Ich habe ständig ein Bonbon in der Hosentasche. Wenn ich mal traurig bin, stolpere, mir schwindelig wird oder wenn ich jemanden damit glücklich machen kann.
Honigbonbons können Leben retten. Auch Herzen. Und Seelen.
Manchmal können sie auch vermissen lindern und Erinnerungen wecken.
Glaubt ihr nicht?
Ist aber so.
Wer es ausprobieren möchte: Ein/zwei Bonbons in die Hosen/Manteltasche stecken und nach Bedarf langsam lutschen. Danach sieht die Welt etwas hübscher aus.Ehrenwort.